Wolfs Brut – Kommissar Kilians zweiter Fall
23. August 2009 | Von Roman Rausch | Kategorie: Kriminalroman, Schreiben
Gerührt und geschüttelt
Großer Bahnhof in der Residenzstadt: der EU-Sicherheitsgipfel tagt in Würzburg. Die Übergabe der Rosenholz-Dateien mit den Namen westdeutscher Stasi-Mitarbeiter von der CIA an die Bundesregierung steht kurz bevor. Kommissar Kilian stößt bei seinen Fenstersturz-Ermittlungen auf eine CD-ROM, die offensichtlich noch weit brisanteres Material enthält.
Eine gnadenlose Jagd beginnt, und der in seine ungeliebte Heimatstadt Würzburg strafversetzte Kilian gerät ins Fadenkreuz von Behörden, Geheimdiensten und anderen Dunkelmännern.
Rezensionen
“Ein neuer Tatort oder gar ein Schimanski? Kommissar Kilian braucht den Vergleich nicht zu scheuen.”
(Bayerischer Rundfunk)
“Schöne Episoden kriminalistischer Couleur. Alles ist gekonnt und zudem charmant gemacht.” (readers-edition.de)
Textauszug
15. Januar 1990. Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Normannenstraße.
Wie von Sinnen schlug der Mann auf die Überwachungskamera ein. Er saß auf den Schultern eines anderen, der keuchend die Balance zu halten suchte. Frenetisch wurde er angetrieben, bis das Augenlicht der Verbrecher auf immer erloschen war.
«Schlag sie tot, schlag sie tot!», schrie das eine Volk mit einer Stimme.
Jung und Alt, Lehrer und Schüler, Krankenschwester und Busfahrer, Arbeiter und Privilegierter, Atheist und Christ, Witwe und Familienvater. Sie waren belogen und betrogen, ausspioniert und erpresst, entführt, weggesperrt, gefoltert und getötet worden. Vorn Nachbarn und Freund, vorn Vater und von der Mutter, vorn Bruder und von der Schwester, vom Ehemann und vom eigenen Kind.Nach fünfzig Jahren, einem Monat und zwei Tagen hatte sich mit dem Fall der Mauer vor wenigen Wochen ihr Traum von einer besseren und gerechteren Welt noch nicht erfüllt – so lange nicht, wie die Verbrecher im MfS noch arbeiteten. Dieser Januartag des neuen Jahrzehnts sollte die Befreiung und der Aufbruch in ein neues Leben sein.
Saunders trieb in der wogenden Menge. Um ihn herum Tausende mit vor grenzenloser Wut verzerrten Fratzen und erhobenen Fäusten, fest entschlossen, die Fesseln von Bevormundung und Knechtschaft zu sprengen. Er hatte das sichere Gefühl, dass sein Auftrag mit diesem Ereignis zusammenhing. Ebenso sicher wusste er, dass sich unter dem einen Volk viele Kollegen befanden und dass er sich rasch zum verborgenen Eingang des Stasi-Gebäudes durcharbeiten musste, um nicht erkannt zu werden.
Der letzte Hieb mit der Eisenstange riss die Kamera samt Halterung aus der Wand. An zwei Kabeln hängend, baumelte sie kopfüber herunter. Das Volk heulte auf und drängte weiter an das Stahlgittertor. Die Vordersten rüttelten und traten gegen das Gestänge.
«Stasi raus! Stasi raus! », hallte es durch die kalte Januarnacht. Die Ersten stiegen auf das Tor und feuerten die Menge an. «Macht das Tor auf!», kam es tausendfach zurück. Blitzlichter zuckten auf, und Kameras westlicher Nachrichtensender katapultierten das Unfassbare in jeden Winkel der Welt. «Macht das Tor auf! »
In den oberen Stockwerken des Ministeriums kollabierten währenddessen die Reißwölfe unter der Last. Akten wurden hektisch von Hand zerrissen und auf einen Berg geworfen. Offiziere trieben die Mannschaften an, schneller zu arbeiten. Über die Bildschirme der Robotron-Rechner flimmerten Zahlenkolonnen, Namen, Adressen und intime Details, die in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen worden waren. Stahlschränke wurden aufgerissen und Computerbänder herausgenommen. Sie verschwanden in Taschen, Koffern und Rucksäcken.Zivil gekleidete Kuriere drängten zur Eile. Lange konnte es nicht mehr dauern. Steine flogen durch die Fenster, und Stasi-raus-Rufe erfüllten den Raum.
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