MVV Adventskalender 2009
27. Dezember 2009 | Von Roman Rausch | Kategorie: Erzählung, Schreiben“Unter Piraten”
Nach 2008 kam auch für das Jahr 2009 der Adventskalender des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) aus der Feder von Roman Rausch.
Das fast schon traditionelle MVV Advents-Gewinnspiel garantierte wieder Spannung und wertvolle Gewinne bis zum Weihnachtsfest.
Hinter den Türen des Online-Adventskalenders verbargen sich diesmal Tagespreise im Gesamtwert von über 15.000 Euro. Umrahmt wurde das Ganze von einem spannenden Weihnachtskrimi, der mit einem großen Knall beginnt.
Mit detektivischem Spürsinn kamen die Leser des Weihnachtskrimis jeden Tag der Auflösung der Story ein wenig näher und hatten dabei die Gelegenheit, einen der attraktiven Tagespreise des Adventskalenders zu gewinnen, wie z.B.:
- exklusive Sony Ericsson Xperia X1 Handys
- VIP-Tickets für die “NOKIA Night of the Proms”
- SIEMENS Kaffee-Vollautomat
- original handsignierte Trikots des FC Bayern München
- Navigationsgeräte von TomTom GO 950 LIVE
- unvergessliche Erlebnisse von MEVENTI
- VIP-Touren in der Allianz Arena oder am Münchner Flughafen
- Jahresabonnements für die Münchner AZ
Wer den MVV-Weihnachtskrimi 2009 nochmals in aller Ruhe nachlesen möchte, hat nachfolgend die Gelegenheit dazu.
Unter Piraten – die Geschichte
1. Türchen: Ein Schuss fällt
Es ist fünf vor neun Uhr und ich hasse meinen Chef.
Er heißt Klaus und lässt kein gutes Haar an mir. “Jamilah, wenn du heute dein Tagesoll wieder nicht erfüllst, dann ist endgültig Schluss”, droht er mir lächelnd, bevor er die Glastüren öffnet. Draußen warten schon die ersten Geschenkjäger in der dumpfen Kälte eines diesigen Adventmorgens. Gleich fängt der Wahnsinn von Neuem an. Weihnachten ist der pure Horror für eine Verkäuferin. Ich will nur noch heulen. Aber ich lächle, weil ich muss.
Zwölf Stunden später. Es ist kurz vor Ladenschluss. 100 Euro fehlen auf mein Tagesoll. Klaus lächelt zu mir herüber – drohend, wie immer. Nur noch ein letzter Kunde und ich bin gerettet. In der Menge sehe ich ihn stehen. Ich schließe die Augen und flehe: Komm zu mir. Er grinst mich an, nimmt sein Handy und macht Photos. Klaus sieht es und rastet aus. Plötzlich fällt ein Schuss.
2. Türchen: Der Überfall
Der Schuss war ein Knall. Irgendetwas ist explodiert. Eine dicke Rauchschwade wälzt sich durch den Verkaufsraum. Ich habe mich unter den Tisch gerettet, sehe nur noch Füße, die aufgeregt zum Ausgang eilen. Manche stolpern, bleiben liegen und werden überrannt. Der Alarm geht los. Zur heulenden Sirene zucken kreisende, rote Lichtstrahlen durch den Nebel.
Was ist hier los, frage ich mich? Ein Anschlag auf ein exklusives Lederfachgeschäft? Das kann doch nicht sein. Oder ist es ein Überfall? In der Kasse befinden sich die Tageseinnahmen, einige tausend Euro. In beiden Fällen ist das kein Ort für eine achtzehnjährige Verkäuferin, die nichts weiter will, als den Tag unbeschadet zu überstehen. Ich sollte jetzt ganz schnell verschwinden. Da drüben geht es zum Lager mit der Tür zum Hinterausgang. Mit ein paar schnellen Schritten sollte ich es schaffen. Noch bevor ich loslaufen kann, sehe ich etwas vor mir auf dem Boden liegen. Es blinkt verdächtig.
3. Türchen: Ein ungeheuerlicher Vorwurf
Das verdächtig blinkende Ding ist ein Handy – ein exklusives Sony Xperia X1. Ich halte es in den Händen und frage mich, wem es gehören mag. Der Rauch und die Aufregung haben sich verzogen. Es sieht aus, als wäre eine Horde wild gewordener Schnäppchenjäger durch den Verkaufsraum getrieben worden. Überall liegen Ledertaschen, Gürtel, Schuhe und die teuren Accessoires herum. Das muss alles wieder aufgeräumt werden. Vor Mitternacht werde ich heute nicht nach Hause kommen. Klaus gibt einem Polizisten Auskunft. Er deutet zu mir herüber. „Sie haben mit dem Räuber gesprochen?“, fragt mich der Polizist. „Mit wem?“, antworte ich überrascht. „Er hat teure Markenprodukte gestohlen, sagt ihr Chef. Der Schaden beläuft sich auf mehrere tausend Euro. Können Sie den Mann beschreiben?“ Ich blicke fragend zu Klaus hinüber. Was soll das? Ich habe mit niemandem gesprochen. „Jamilah steckt mit ihm unter einer Decke“, ruft er zornentbrannt herüber.
4. Türchen: Das Verhör
Mittlerweile verhört mich eine Polizistin. Sie gibt sich Mühe, aber auch sie kann ihre Vorurteile nicht ablegen. Ich habe keine Kraft mehr gegen die Statistik zu kämpfen. „Ich bin keine Diebin. Ich bin Deutsche wie Sie.“ Die Polizistin lässt nicht locker. „Ihr Chef sagt, dass er Sie mit diesem Mann gesehen habe, bevor die Rauchbombe hochging.“ Ich geb’s auf und seufze. „Wir haben uns nur angesehen. Mehr nicht.“ Sie hakt nach. „Was wollte er von Ihnen?“ Ich widerspreche. „Ich wollte, dass er etwas kauft. Das ist mein Job.“ Sie holt einen Zettel hervor. „Laut dieser Liste wurden mehrere exklusive Designerhandtaschen gestohlen. Das Stück zu 800 Euro.“ Kann schon sein. „Nur mein Chef durfte diese Taschen verkaufen. Für mich waren sie tabu“, antworte ich. „Warum?“ Ich zucke mit den Schultern. „Fragen Sie ihn.“ Während sie meine Antwort notiert, meldet sich das fremde Handy in meiner Tasche. Ich lese: Schweig. Es kann dir nichts geschehen.
5. Türchen: Geheimnisvolle Botschaften
Die Hausdurchsuchung verlief wie erwartet ergebnislos. Meine Eltern schämen sich für mich und ich falle müde ins Bett. Was für ein Tag. Die Polizistin hat mit Klaus gesprochen. Er will es nochmal mit mir versuchen. Ich solle dankbar sein. Da kann ich nur lachen. Wer würde die arabische Kundschaft wohl sonst bedienen? Aber viel interessanter als der Samariter Klaus ist dieses seltsame Handy. Immer wieder lese ich die Nachricht: Schweig. Es kann dir nichts geschehen. Für wen ist sie bestimmt? Nicht für mich. Das steht wohl fest. Aber für wen dann? Ich muss herausfinden, wem das Handy gehört. Ich blättere im Adressbuch. Viele Namen sind darin, einige haben einen Doktor davor, andere Abkürzungen wie KOK und KHK. Soll ich einen von denen anrufen? Ich stelle mich einfach dumm und frage, ob sie die Nummer kennen. Ich wähle einen mit KHK davor. Das klingt irgendwie wichtig. „Kriminalhauptkommissar Werner hier“, höre ich noch, bevor mir das Handy vor Schreck aus der Hand fällt.
6. Türchen: Was steckt dahinter?
Hundemüde tapse ich ins Geschäft. Der Schreck von letzter Nacht sitzt mir noch in den Knochen. Im Adressbuch des unbekannten Handys wimmelte es von Kriminalbeamten. Langsam wird mir klar, dass ich das Handy eines Polizisten mit mir herumtrage. Ist es der Mann, der kurz vor dem Überfall Photos im Geschäft gemacht hat? Die Vermutung liegt nahe. Im Speicher des Handys habe ich die Aufnahmen gefunden. Sie zeigen Klaus beim Verkaufsgespräch mit Kunden und den sündhaft teuren Loewe-Taschen. Gerade diese exklusiven Taschen aus Spanien sind es, die den Photographen scheinbar am meisten interessierten. Auf jedem Bild sind sie zu sehen. Als ich das Geschäft betrete, wirft mir Klaus einen vernichtenden Blick zu. Er durfte an meiner Stelle das Chaos von letzter Nacht beseitigen. Ich grins mir eins. Selber Schuld, wenn man seine wichtigste Mitarbeiterin der Polizei ausliefert. Meine Schadenfreude währt nicht lange, als das fremde Handy in meiner Tasche plötzlich zu bimmeln anfängt.
7. Türchen: Der Auftrag
„Jamilah hier“, flüstere ich ins Handy, damit es Klaus nicht mitbekommt. Es dauert, bis ich eine Antwort erhalte. Im Hintergrund höre ich Verkehrslärm. „Hast du gut geschlafen?“, fragt mich eine Männerstimme. „Wer sind Sie?“, frage ich zurück. Er: „Ein Freund.“ Ich: „Sind Sie ein Polizist?“ Er zögert. „Ein halber.“ Ich stelle mich dumm. „Was wollen Sie von mir?“ Er schmiert mir Honig ums Maul. „Eine überaus hübsche und gescheite junge Dame soll mir helfen.“ Den ersten Teil höre ich gern, den zweiten kann er sich sparen. „Wobei?“, frage ich und er antwortet: „Du stehst im Mittelpunkt einer großen Ermittlung der Polizei.“ Ich schlucke schwer und werde nervös. „Lassen Sie mich in Ruhe“, sage ich, „und Ihr Handy können Sie auch abholen.“ Er gibt nicht auf. „Behalte es. Du wirst es noch brauchen.“ Ich will nichts damit zu tun haben. „Hören Sie …“ Er schneidet mir das Wort ab. „Komm in deiner Mittagspause in die BAR Muenchen. Frag nach Roberto.
8. Türchen: Ein konspiratives Mittagessen
Auf meine Frage nach Roberto hat mir der Ober in der BAR Muenchen einen Tisch zugewiesen. Er fragt mich, was ich trinken und essen möchte. Ich lehne ab, schließlich bin ich nicht zum Spaß hier. Doch anstatt auf mich zu hören, fährt er feines Essen auf und öffnet eine Flasche Wein. „Ich habe nichts bestellt“, stutze ich ihn zurecht. Doch er: „Roberto hat es für sie getan“, und verschwindet. Das Handy bimmelt. „Ja?!“, antworte ich verärgert. „Lass es dir schmecken“, sagt der, der sich Roberto nennt. Ich mag es gar nicht, wenn man über meinen Kopf hinweg entscheidet. „Wo stecken Sie, zum Teufel?“ Roberto geht nicht darauf ein. Stattdessen: „Hinter dir sitzt Abdulla al Hamsi. Dreh dich nicht um, sondern hör zu. Abdulla wird sich gleich mit einem Mann treffen, den alle nur Gonzales nennen. Die beiden sprechen arabisch. Das verstehst du doch?“ Ich bestätige es. Roberto fährt fort. „Schalte das Handy auf Tonaufnahme und hör zu, was sie sagen.“ Ich will protestieren, doch er beruhigt mich. „Keine Angst, ich habe dich im Auge.“
9. Türchen: Gefährliche Fracht
Die Angst hat mich noch immer im Griff, als ich die Bar verlasse. Wie konnte ich mich nur auf so eine verrückte Geschichte einlassen? Damit muss Schluss sein, bevor ich in ernste Gefahr gerate. Dieser Abdulla und Gonzales sind Gangster, die mit allem handeln, was sich zu Geld machen lässt. Die spanische Hafenstadt Valencia und das Hotel Gabriel in München haben eine Rolle gespielt, des Weiteren Container, die eine gefährliche Fracht mit sich tragen. Soviel habe ich verstanden. Nur, was habe ich damit zu tun? Nichts, lautet meine Antwort und ich schicke Roberto das aufgenommene Gespräch. Danach fliegt das Handy ins Gebüsch und die Sache ist für mich erledigt. Als ich ins Geschäft zurückkehre, erwartet mich ein zorniger Klaus. „Wo hast du so lange gesteckt?!“, fährt er mich an. Ich schweige und kümmere mich um meine Arbeit. Aber Klaus lässt mir keine Ruhe. Immer wieder hakt er auf mich herum, bis mir der Kragen platzt. „Denkst du ich weiß nicht, womit du unterm Ladentisch handelst?“
10. Türchen: Auge in Auge mit Abdulla
„Was weißt du von meinen Geschäften?!“ Das sonst übliche Lächeln von Klaus ist verschwunden. Ich muss seinen wunden Punkt getroffen haben. „Irgendetwas stimmt mit der Ware nicht“, halte ich ihm vor, „und mit diesem Überfall auch nicht. Eine Rauchbombe in einem Lederfachgeschäft … Davon habe ich ja noch nie gehört.“ Ich bin in voller Fahrt, und könnte endlos weitermachen, als die Tür aufgeht. Herein kommt Abdulla. Wie gelähmt stehe ich da und ergebe mich dem Schicksal. Doch er beachtet mich nicht, er hat mich in der Bar nur von hinten gesehen. „Wir sind noch nicht miteinander fertig“, droht mir Klaus. Dann geht er mit Abdulla ins Lager. Ich ergreife die Chance und renne auf die Straße. Mein erster Gedanke gilt dem Handy. Ich laufe los und finde es an der erhofften Stelle. „Abdulla ist ins Geschäft gekommen“, teile ich Roberto atemlos mit. „Beruhige dich“, antwortet er. „Es läuft alles nach Plan.“
11. Türchen: Eine erste Spur
Ich will mit Robertos Plänen nichts zu tun haben. „Lassen Sie mich da raus. Ein für alle mal.“ Ich beende das Gespräch und gehe zurück ins Geschäft. Klaus bedient eine Kundin, von Abdulla ist nichts zu sehen. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Ich wünsche mir meine kleine, heile Welt zurück, in der mir keine Gefahr droht. „Jamilah“, bittet mich Klaus freundlich, „schau doch mal ins Lager.“ Er hält eine Loewe-Ledertasche hoch. „Dieses Modell haben wir auch terrakotta-farben.“ Ich nicke und während ich suche, denke ich noch, wieso mich Klaus mit diesem heiklen Auftrag betreut. Die Loewe-Taschen darf doch nur er in die Hand nehmen. Ich durchforste die Kartons nach der gewünschten Farbe, als mir ein Zettel auffällt. Er zeigt die Handschrift von Klaus. Ich entziffere den Namen einer wohlhabenden Kundin und die Anzahl der Taschen, die für sie reserviert sind. Das wäre nicht sonderlich erwähnenswert, wenn nicht als Treffpunkt das Hotel Gabriel angegeben wäre. Hatten nicht Abdulla und Gonzales davon gesprochen?
12. Türchen: Das mysteriöse Zimmer 206
Es geht auf Ladenschluss zu. Ich habe mich bei Klaus für meinen Ausraster entschuldigt und ihn damit besänftigt. Er ahnt nicht, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Als er früher als sonst geht, kämpfe ich mit mir, ob ich ihm ins Hotel Gabriel folgen soll. Angst und Neugier zerren gleichermaßen an mir. Wenn ich der Sache jetzt nicht auf den Grund gehe, finde ich niemals heraus, was hinter meinem Rücken gespielt wird. Ich nehme mir vor, im Hintergrund zu bleiben und zu beobachten. Dagegen kann wohl niemand etwas haben. Und wenn ich tatsächlich Hilfe benötige, dann habe ich ja noch Robertos Handy. In der Hotellobby halte ich nach Klaus Ausschau. Keine Spur von ihm, auch nicht in der Bar. Das war’s wohl, denke ich, als ich Abdulla entdecke. Er ist in ein Telefonat vertieft und bemerkt mich nicht. So kann ich ihm unauffällig bis zum Zimmer 206 folgen. Noch bevor ich ein Ohr an die Tür legen kann, packt mich eine Hand von hinten und zieht mich weg.
13 Türchen: Im Griff der Ermittler
Bevor ich realisiere, wer mich gepackt hat, lande ich in einem Raum voller Monitore. Davor sitzen Männer mit der Aufschrift ZOLL auf dem Rücken. An den Gürteln tragen sie Waffen. Der Schreck fährt mir in die Glieder. „Was machen Sie hier?“, will der Mann wissen, der seine Hand um meinen Mund gelegt hatte. Auch er trägt eine Waffe. Ich weiß nicht so recht darauf zu antworten, außer: „Sind Sie Roberto?“ Er seufzt. „Nein, ich bin sein Vorgesetzter, Kriminalhauptkommissar Werner.“ Der Name kommt mir bekannt vor. „Hat Roberto Sie hierher bestellt?“, hakt Werner nach. Ich verneine. „Ich wollte nur sehen, was mein Chef nach Ladenschluss so treibt.“ Eine schwache Ausrede, gemessen an der Reaktion Werners. „Sie sind mitten in eine Aktion der Zollfahndung geraten“, belehrt er mich. „Gehen Sie jetzt wieder nach Hause und vergessen Sie, was Sie gesehen haben.“ Ich willige ein, als einer der Zollfahnder auf den Monitor zeigt. „Es geht los“, sagt er.
14. Türchen: Die Komplizen der Hehler
Gebannt verfolge ich auf dem Monitor, was sich in Zimmer 206 abspielt. Ich erkenne einige unserer reichen Kundinnen, die sich bei Champagner von Klaus über die neuen Modelle informieren lassen. Ich bin verwirrt. „Was geschieht da?“, frage ich. „Ein Verkaufsgespräch“, antwortet Werner, „das eigentlich in euren Geschäftsräumen stattfinden sollte.“ Stimmt, denke ich mir. „Und wieso tut es das nicht?“ Werner grinst. „Weil es sich um gefälschte Markenware zum halben Preis handelt.“ Das kann nicht sein. Die Kundinnen haben mehr als ausreichend Geld für die Originale. Und wieso sind das überhaupt Fälschungen? „Sie wissen nichts davon“, gebe ich zu bedenken. Werner seufzt. „Oh, doch. Sie glauben, ein Schnäppchen zu machen. Die Gier lässt sie alle Skrupel vergessen. Damit werden sie zu Komplizen der Hehler.“ Ich fasse es nicht. Wenn diese Frauen arme Schlucker wären, würde ich es ja noch verstehen. Aber so? „Wann werden Sie eingreifen?“, frage ich. Werner zeigt auf einen Monitor, der die Lobby filmt. „Wenn unsere Zielperson Zimmer 206 betritt, schlagen wir zu.“
15. Türchen: Die Falle ist aufgestellt
Gespanntes Warten auf die Zielperson. Ich soll so lange bei den Zollfahndern bleiben, bis die Luft rein ist. „Zum Schluss läufst du Gonzales in die Arme und er riecht den Braten“, sagt Werner. Nun verstehe ich. Gonzales ist der geheimnisvolle dritte Mann. „Was macht ihn so wichtig?“, frage ich. „Er ist der entscheidende Zwischenhändler“, erklärt Werner. „In seinem Lager türmen sich Uhren, Handys, Medikamente und dergleichen mehr. Alles gefälscht und gefährlich. Der Schaden beläuft sich auf viele Millionen Euro.“ Ich bleibe neugierig und naseweis. „Wieso heben Sie das Lager nicht einfach aus?“. Werner nickt. „Genau darum geht es hier. Wir wissen nicht, wo es ist.“ Ein Zollfahnder unterbricht uns. „Er kommt.“ Ich blicke auf den Monitor. Ja, das ist der Kerl aus der BAR Muenchen. Die Polizisten machen sich bereit. Ich kann die Anspannung förmlich spüren. Gonzales steuert auf Zimmer 206 zu. Noch ein paar Meter … Da klingelt plötzlich ein Handy. Gonzales greift in seine Jackentasche.
16. Türchen: Die Falle schnappt zu
Kriminalhauptkommissar Werner wartet ab, wie Gonzales auf den Anruf reagiert. Seine Männer stehen mit entsicherten Waffen bereit auf den Gang zu stürmen. Dort, nur durch eine Tür getrennt, hört Gonzales aufmerksam zu, was der Anrufer ihm mitteilt. Es muss von Bedeutung sein, da Gonzales seinen Schritt verlangsamt, schließlich stehen bleibt und sogar kehrt macht. Für Werner ist es das eindeutige Zeichen, dass Gonzales gewarnt worden ist. „Zugriff!“, schreit er und seine Leute stürmen auf den Gang. Die einen verfolgen den türmenden Gonzales, die anderen stürzen ins Zimmer 206. Ich bleibe alleine im Überwachungsraum zurück. Auf den Monitoren sehe ich Klaus, Abdulla und die feinen Damen, wie sie von den Polizisten gestellt werden. Beim Anblick von Klaus’ verwundertem Gesicht kann ich meine Genugtuung nicht verbergen. „Na, wer hat heute sein Tagesoll nicht geschafft?“ Ein Lautsprecher gibt eine mir bekannte Stimme wieder. „Gonzales kommt aus dem Hotel“, sagt Roberto. „Soll ich ihm folgen?“
17. Türchen: „Bist du alleine?“
So viele Knöpfe an diesem Schaltpult. Ich drücke einen nach dem anderen. „Hier ist Jamilah, hören Sie mich?“ Ein ziemlich überraschter Roberto antwortet: „Was um Himmels Willen machst du hier?“ Ich habe keine Zeit für lange Erklärungen. „Kommissar Werner ist mit seinen Leuten auf dem Weg.“ Aber auch Roberto fehlt es an Zeit. „Darauf kann ich nicht warten. Gonzales steigt in ein Auto. Ich häng mich dran. Und du gehst jetzt nach Hause.“ Ich stimme zu. Doch zuvor genieße ich die Prozession auf dem Gang. Abdulla und Klaus werden in Handschellen abgeführt. Auch die feinen Damen müssen mit aufs Revier. Das soll ihnen eine Lehre sein. Nun kehrt Ruhe vor Zimmer 206 ein. Alle sind auf Gangsterjagd, nur ich nicht. Erleichtert, aber auch etwas traurig trete ich den Heimweg an. Kaum bin ich auf dem Gang, steht ein Mann vor mir. Er trägt eine Jacke mit der Aufschrift ZOLL. Irgendwie scheint er mich nicht erwartet zu haben. Nervös schaut er sich um. „Du bist alleine?“, fragt er mich. Ich bejahe. „Gut“, sagt er und packt mich am Arm.
18. Türchen: Angst steigt auf
Irgendetwas stimmt hier nicht. Dieser Zollbeamte ist auffallend rabiat. Er hält mich am Arm und führt mich wortlos aus dem Hotel zum Parkplatz. „Ich kann auch öffentlich fahren“, sage ich. „Ist mir eh lieber.“ Er antwortet nicht, sondern blickt sich andauernd um, ob wir beobachtet werden. Ich starte einen neuen Versuch. „Sie brauchen mich nicht nach Hause zu fahren. Die U-Bahn hält genau in meiner Straße. In fünf Minuten bin ich dort. Total praktisch. Keine Ampeln, keine Parkplatzsuche …“ Er reagiert nicht. Langsam wird mir mulmig und ich versuche mich aus seinem Griff zu befreien. „Sie tun mir weh“, protestiere ich, doch er bugsiert mich zu seinem Wagen. „Einsteigen“, befiehlt er. Ich habe nicht vor in das Auto zu steigen. Dieser Typ ist mir unheimlich. Wäre nur Roberto oder Kommissar Werner hier. „Ihre Kollegen werden sich bestimmt fragen, wo ich stecke“, sage ich. Er aber öffnet die Kofferraumtür. „Rein da!“
19. Türchen: Im dunklen Gefängnis
Ich werde in meinem dunklen Gefängnis von links nach rechts geworfen. Dieser Polizeibeamte scheint es mächtig eilig zu haben. Was ist nur in diesen Kerl gefahren, dass er mich in den Kofferraum sperrt? Ich versuche meine Angst unter Kontrolle zu bringen. Es kann mir nichts passieren, beschwöre ich mich. Er ist trotz allem Polizist, und Polizisten tun jungen Frauen nichts zu Leide. Doch irgendwie schaffe ich es nicht, mich zu überzeugen. Ich spüre wie die Angst mir langsam die Kehle zuschnürt. Ich möchte schreien. Doch wer hört mich schon hier drin? Nach der holprigen Fahrt zu urteilen, befinden wir uns außerhalb der Stadt, irgendwo auf geschotterten Feldwegen. Mitten in einer winterlichen Nacht wird sich niemand auf der Straße herumtreiben. Und wenn, wir sind viel zu schnell unterwegs, als dass mich jemand in einem Kofferraum entdecken könnte. Ich muss mich irgendwie bemerkbar machen, bevor der Kerl sein Ziel erreicht. Ich taste um mich. Wenn es nur nicht so dunkel hier drin wäre. Autsch, da drückt etwas in meine Seite. Es ist Robertos Handy.
20. Türchen: In den Fängen des Spions
Noch immer speist die Batterie das Sony X1. Die Beleuchtung ist mehr als ausreichend und das Netz steht auch. Ich höre das Freizeichen und gleichzeitig mein Flehen – Bitte, geh ran. „Jamilah, bist du das?“, fragt Roberto aufgeregt. „Wo steckst du?“ Mir fällt ein Stein von Herzen. „Einer deiner Kollegen hat mich entführt“, sage ich und beschreibe ihm meine Situation. Ich höre, wie Roberto sich bemüht, mich nicht weiter zu ängstigen. „Das muss der Spion von Gonzales sein, den wir suchen. Sag mir, wo du dich befindest.“ Gute Frage, ich stecke in einem Kofferraum, blind wie eine Kellerassel. „Das Handy verfügt über einen GPS-Empfänger“, sagt Roberto. „Du kannst damit deinen Standort genau ermitteln.“ Ich drücke die Tasten des Handys, bis ich die Funktion ‘Mein Standort’ gefunden habe. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Keine Verbindung möglich. „Du brauchst freie Sicht zum Satelliten“, sagt Roberto. Zu spät. Der Wagen verringert die Geschwindigkeit und hält schließlich an. Ich höre, wie sich der Kerl dem Kofferraum nähert.
21. Türchen: Das Piratennest
„Los, raus da!“, fährt mich der falsche Polizist an. Nur zu gerne komme ich seinem Befehl nach. Das Handy ist in meinem Ärmel verschwunden und ich blicke mich hastig um. Wir sind irgendwo im Nirgendwo. Ringsum dunkler, verschneiter Wald, am Fuße sternbeschienener Berge. Vor uns ein Heuschober, gut versteckt unter den ausladenden Ästen einer Baumgruppe. Der Kerl treibt mich vor sich her, auf die alte, aber stattliche Hütte zu. „Was machen wir hier?“, frage ich. Er ist nicht gewillt mir zu antworten. Stattdessen öffnet er die knarrende Holztür und stößt mich hinein. Es ist dunkel hier drin und es riecht nach altem Stroh. „Die Polizei wird bestimmt nach mir suchen“, entgegne ich ihm auf seine Grobheiten. „Es ist besser, wenn Sie mich laufen lassen.“ Ungeachtet dessen, zündet er ein Streichholz und damit eine Kerze an. Endlich wieder Licht, denke ich, als ich aus dem Halbdunkel jemanden heraustreten sehe. Er hat eine Waffe auf mich gerichtet. „Was macht die Kleine hier?“, fragt Gonzales.
22. Türchen: Die Schatzkammer
„Sie hat mich gesehen“, sagt der falsche Polizist. „Ich musste sie mitnehmen.“ Gonzales ist davon nicht begeistert. „Was machen wir jetzt mit ihr?“ Der Polizist zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Drängender ist die Frage, wie wir unerkannt verschwinden können. Werner ist mit seinen Leuten hinter uns her.“ Gonzales setzt sich an den kleinen Holztisch. „Bring sie nach hinten und dann lass uns reden.“ Der Kerl schubst mich auf eine Tür zu. „Ich will da nicht rein“, widerspreche ich. Er packt mich und stellt mich vor eine Entscheidung. „Freiwillig oder mit Gewalt? Du hast die Wahl.“ Ich entscheide mich für die Gewaltlosigkeit und befinde mich anschließend erneut in absoluter Dunkelheit. Himmel, flehe ich, komme ich denn überhaupt nicht mehr ans Licht? Ich taste mich blind durch den Raum, bis ich an etwas stoße. Ich hole Robertos Handy hervor. Im knappen Schein der Bildschirmbeleuchtung erkenne ich die vertrauten Kartons der Designertaschen. Daneben weitere Markenwaren. Kein Zweifel: Ich bin im Lager der Produktpiraten.
23. Türchen: In höchster Not
„Sie muss verschwinden“, höre ich mit dem Ohr an der Tür, wie mein Schicksal von diesem falschen Polizisten besiegelt wird. Der Schreck fährt mir in die Glieder. Das können sie doch nicht tun. Ich muss schnell raus hier. Die Panik treibt mich durch das stockfinstere Dunkel. Ich falle, stehe wieder auf und taste mich voran. Gibt es denn hier nirgends ein Fenster? Robertos Handy soll meinen Standort bestimmen können. Dazu brauche ich aber freie Sicht auf einen Satelliten. Ich greife etwas. Es fühlt sich an wie eine Leiter. Sie führt mich auf den Dachboden. Hier lagert altes Heu, und vorne am Giebel kann ich etwas erkennen. Es ist ein Loch, kaum eine Hand breit. Das sollte genügen. Ich wähle Meinen Standort ermitteln und halte das Handy hinaus. Es dauert ein paar Sekunden, aber dann hat es geklappt. Ich schicke Roberto das Ergebnis. Kurz darauf kommt die Antwort. „Wir sind unterwegs“, sagt Roberto. „Halte nur ein paar Minuten durch.“ Ein Stein fällt mir vom Herzen. Ich bin gerettet. Doch da höre ich die Tür unter mir schlagen. Sie kommen, um mich zu holen.
24.Türchen: Rettung in letzter Sekunde
„Wo steckst du?!“ höre ich sie von unten rufen. Kartons werden umgeworfen, wütende Schritte durchpflügen das Lager. Ich habe keine Zeit mehr auf Roberto zu warten. Mit aller Gewalt stemme ich meine Füße gegen das Dach bis sich ein Ziegel löst. Er rauscht scheppernd in die Tiefe. Jetzt wissen sie, wo ich bin. Weitere Ziegel fliegen aus den Sparren. Sie kommen die Leiter herauf. Ich zwänge mich durch das enge Loch. Keine Sekunde zu spät, eine Hand verfehlt meinen Knöchel nur knapp. Auf dem First balancierend, blicke ich ins Tal hinunter. Scheinwerfer schneiden durch die Nacht. Da sind sie. Doch jemand packt mich von hinten. „Du kleines Miststück.“ Dann, unter ohrenbetäubenden Lärm, kommt ein Hubschrauber über die Bergspitze. Sein Scheinwerfer erfasst uns. „Lassen Sie die Frau gehen!“ höre ich Robertos wütende Stimme. Gonzales und der falsche Polizist werden abgeführt. „Ohne dich hätten wir das nicht geschafft“, lobt mich Roberto. Ich gebe ihm sein Handy zurück. Er verneint. „Behalte es. Du hast es dir verdient.“ So bleibt nur noch eine Frage offen: „Nehmt ihr auch Frauen bei der Zollfahndung?“

